
T: Hendrik, du warst grad einige Zeit zum Yiquan Training in in Beijing.
H: Ja, ich war insgesamt für drei Wochen dort. Es war ein erster Einstieg für mich an der Zhong Yi Wu Guan, eine Gelegenheit mal zu sehen wie dort trainiert wird und wie man einen Aufenthalt organisieren kann.
T: Du warst also bei Meister Yao Chengrong, einem der beiden Yao Zwillinge, die über ihren Vater Yao Zongxun die direkte Linie zu Wang Zhangzhai repräsentieren.
H: Ja genau, ich war bei Meister Yao Chengrong. Auch unser Lehrer Jumin hat ja eine direkte Verbindung zu ihm, und dank seiner Vermittlung hat alles gut geklappt.
Eigentlich wolte ich schon zu Yao seit ich das erste Video gesehen hatte auf Youtube. Meister Yao Chengrong ist wirklich extrem beeindruckend und wirklich noch einer der wenigen Lehrer der alten Garde…er hat echtes Gongfu, das merkt man sofort. Durch die Yiquan Ausbildung bei Meister Jumin Chen war ich optimal vorbereitet und konnte dem Training ohne Schwierigkeiten folgen da man alle Übungen und Inhalte kennt.
T: Wie hast du dort trainiert?
H: Sehr intensiv, ich war einerseits beim normalen Training und zwar jeweils vormittags und nach zwei Stunden Pause auch Nachmittags oder Abends. Außerdem hatte ich Montag/Mittwoch/Freitag immer am Nachmittag Privatstunden. Meister Yao Chengrong ist ein sehr herzlicher Mensch und wir haben mit grosser Freude trainiert. Auch mit seinem Sohn Yao Yue kann man übrigens wirklich super trainieren, er ist fair beim pushen und man lernt sehr viel von ihm. Seine Pushhands Skills sind wirklich unglaublich.
T: Was hattest du für einen Eindruck?
H: Naja, dort wird einfach sehr realistisch und kampfkunstorientiert trainiert. Die Leute sind alle sehr gut. Sie pushen jeden Tag und ich bin nicht gerade geschont worden. Aber man lernt sehr viel gerade dadurch. Durch Christian Bauer, der dort ja schon seit 6 Jahren trainiert, hat man auch viel Feinkorrektur und er erklärt die Theorie auch sehr gut da er das Wissen ja direkt von Chinesisch ins Deutsche übersetzen kann. Die Schüler sind offen und üben sehr viel mit einem. Natürlich ist es schon hart wenn man 6 Stunden am Tag macht aber nach einer Woche hat man sich daran gewöhnt. Und was mir auch wichtig ist, es wird halt auch Sparring gemacht, sie haben ein Sanshou System und trainieren es auch. Das hab ich im Taiji immer vermisst, deswegen ist mir dieser Aspekt im Yiquan wichtig. Ich habe 60-jährige Sparring machen sehen. Da ist man schon beeindruckt.
T: Wie hat Yao unterrichtet, auf Englisch?
H: Nein, er spricht nur chinesisch. Er ist aber sehr engagiert und sieht sofort wo das Problem liegt. Er gibt sehr gute Korrekturen die einem wirklich weiterhelfen. Ausserdem sind fast immer Leute da die Englisch beherrschen und übersetzen. Die Sprache war kein Problem. Es macht unheimlich Spass mit Meister Yao Chengrong zu trainieren und er schaut wirklich dass alles passt, dass man versteht was er meint.
T: Wie bist du mit dem Chinesisch klargekommen?
H: Ich habe mich schon vorbereitet, ich war ja schon öfter in China und hab schon einiges an Chinesisch gelernt die letzten Jahre. Aber ist schon sehr hilfreich wenn man die Wörter für die Kraftrichtungen und Kräfte kennt. Ohne den Unterricht bei Meister Jumin Chen und das Training bei der Europäischen Yiquan Aklademie hätte ich aber nicht soviel umsetzen können, es ist schon wichtig das man den entsprechenden Unterbau hat. Außerdem war oft Christian Bauer dabei, der ja sehr gut chinesisch spricht.
T: Was für einen Unterrichtsstil hat Yao?
H: Nun, er ist sehr erdig, gar nicht esoterisch. Er spricht immer von den Kraftrichtungen und benutzt kaum abstrakte Vorstellungen. Es wird alles ganz nüchtern und technikorientiert erklärt. Trotzdem geht der Unterricht wie auch bei Meister Jumin Chen sehr in die Tiefe, es ist wirkliche Feinarbeit am Nervensystem. Aber ich denke der Unterricht passt sich auch dem Niveau der Schüler an, die wirkliche Tiefe dessen was man lernt kann man am Anfang noch gar nicht ermessen.
T: Welche Inhalte habt ihr trainiert und wie war der Aufbau des Trainings?
H: Wir haben einzelne Übungen sehr lange trainiert. Zuerst Zhan Zhuang, dann Shili, dann mit Schritte, Fali, Pushhands. Sehr oft haben wir eine Stunde lang eine Übung einschließlich ihrer unterschiedlichen Variationen und Anwendungen geübt. Zhanzhuang haben wir dort nicht so lange gemacht, ich glaube die Leute üben das eher zuhause. Im Unterricht steht man nur 15-20 Minuten, dann kommt Shili, Fali und Pushhands. Mir wurde aber von den Schülern gesagt für die Gesundheit 60 Minuten Zhan Zhuang, für den Kampf 90 Minuten. Meister Yao legt sehr viel Wert auf das Prinzip der gegensätzlichen Kräfte (Mao Dun Li) und baut das sehr früh in seinen Unterricht ein. Er sagt ohne dieses Prinzip dauert es sehr lange bis das Yiquan funktioniert. Das Training wird nicht so langsam aufgebaut, es kommt gleich so ziemlich alles. Er setzt ziemlich schnell alles zusammen und es ist ihm wichtig gleich die Einheit zu üben. Irgendwie geht das dann auch unter seiner Anleitung. Phänomenal.
T: Wie ist das so wenn man als Westler nach China kommt?
H: Naja, leicht ist das nicht gerade. Jedenfalls wird einem ziemlich auf den Zahn gefühlt und man spürt am Anfang eher eine gewisse Geringschätzung. Jetzt kommt der Ausländer und will hier auch mitmischen, so ungefähr. Es dauert ein paar Tage bis man akzeptiert ist. Und wenn man kontert ist die Anwort nicht zimperlich, da ist von Schlägen ans Kinn bis hart gegen die Wand gepusht werden alles dabei, man sollte eher vorsichtig sein. Vor allem auf seine Finger und Hände muss man aufpassen. Aber das ist gut denn dann lernst Du wirklich unter Druck locker zu agieren und doch gelöst und wach zu bleiben. Trotz der ungewohnten Härte im Pushhands passieren aber keine Verletzungen, es ist schon ok.
T: War es schwierig diesen Aufenthalt zu organisieren, ich meine mit Anreise und Unterkunft und so weiter?
H: Nein, eigentlich gar nicht. Die Flüge kosten zwischen 500 und 700 Euro und direkt bei der Schule gibt es ein günstiges Hotel mit gutem Service um etwa 20 Euro die Nacht.
T: Hast du von deinem Aufenthalt profitiert?
H: Ja, sehr. Natürlich wäre ich gerne länger geblieben aber es war ein guter erster Einstieg und ich flieg so schnell wie möglich wieder hin. Nun weiss ich noch deutlicher wie man Yiquan wirklich trainieren soll, und was Meister Jumin Chen immer meint wenn er davon spricht "Gas zu geben und keine Zeit zu verlieren". Durch Meister Yao Chengrong ist man noch mehr motiviert da man das Ergebnis der Übungen sieht. Er hat mir soviel gegeben und das muss ich nun austrainieren. Man kriegt wirklich viel Stoff zum arbeiten. Yiquan ist eine grossartige und tiefe Kunst die schnell in der Anwendung funktioniert.
T: Ich nehme an du wirst ein paar Videos ins Youtube stellen.
H: Ich durfte ausnahmsweise aufnehmen aber leider darf ich das Material nur persönlich privat nutzen. Ich arbeite aber das gelernte mit meinen Schülern aus und stelle die Sachen auf meinen Youtube Kanal.
T: Super, danke für deine Infos!
H:Ich habe zu danken 